Seit Anfang des Jahres sind wir Teil des Magic The Gathering Uni-Programms von Wizards of the Coast und Instict3. Ziel des Programms ist der Auf- und Ausbau von Communities an Universitäten. Dabei erhalten wir Unterstützung bei Projekten und die Möglichkeit, offizielle Turniere zu veranstalten. Alle Founder sind über Discord vernetzt, wo bisher erste Infoveranstaltungen stattfanden. Damit auch die Chance besteht, dass sich alle einmal kennenlernen, gab es auf der diesjährigen Gamescom-LAN die Möglichkeit, bei einem kostenlosen Sealed Deck Event für Studis und Founder teilzunehmen.
Theoretisch hätten wir zu zweit anreisen können, allerdings fand sich in unserer aktuell noch recht kleinen Community niemand, der die zweimal drei Stunden Fahrt auf sich nehmen wollte oder am Wochenende Zeit hatte. Also entschied ich mich, alleine zu fahren. Im Folgenden meine Eindrücke.
Anreise & erste Hürden
Den Wecker hatte ich mir auf 6:00 Uhr gestellt, meine Nerven waren allerdings schneller und haben mich schon um 5:00 Uhr geweckt. Also bin ich direkt losgefahren. Immerhin: genug Puffer, falls die Location schwer zu finden ist.
Trotz einer gemütlichen Kaffeepause war ich also überpünktlich um 9 Uhr an der Messe in Köln. Meine erste Erkenntnis war, dass es irgendwie keine offiziell ausgeschilderten Parkhäuser gab und nach ein paar Runden um die vielen Hallen habe ich in der Nähe unter einer Brücke geparkt. War am Ende aber wohl doch der offizielle Parkplatz der Messe und sogar kostenlos.
Weniger erfolgreich verlief die Suche nach dem richtigen Eingang. Vor dem Haupteingang der Messe fand ich nur geschlossene Türen, keine Menschen. Ein kurzer Anruf bei der Messe ergab: Ich müsse zum Eingang West – „direkt nach Eingang Ost“ (?). Nach etwa 45 Minuten, mehreren Nachfragen und etwas Google-Unterstützung fand ich schließlich mit drei offensichtlich Gleichgesinnten (sie hatten einen Rucksack) gemeinsam den richtigen Eingang zur TCG- und Fighting-Games-Halle.
Event & Atmosphäre
Nach ca. 15 Minuten Warten begann der Einlass – und die Location machte direkt Eindruck. Der Aufbau, die Stände und die Atmosphäre waren absolut gelungen.


Neben dem Turnier gab es auch zahlreiche Händler mit einer großen Auswahl an TCG-Produkten und Einzelkarten. Hier ein Einblick in den Stand von Team Lunti (Foto mit freundlicher Genehmigung). Wer mal vorbeischauen will: https://www.teamlunti.de/

Außerdem lief zeitgleich ein leider sehr früh ausverkauftes Riftbound Turnier.

Und es gab natürlich auch die Möglichkeit, sich einfach treiben zu lassen und ein wenig Dopamin ohne die Notwendigkeit der sozialen Interaktion zu sammeln.

Turnierstruktur
Mit leichter Verzögerung, die sich perfekt zum Kennenlernen und für erste Gespräche eignete, startete das Turnier gegen 11:30 Uhr.
Statt eines großen Turniers gab es vier kleinere Events mit jeweils 16 Spielern und drei Runden. Persönlich hätte ich mir ein oder zwei Runden mehr gewünscht (siehe Mindset unten), aber als kostenloses Kennenlernevent war das absolut in Ordnung.
Ich landete im „Lorwyns Finsternis“-Bracket – jedes Turnier hatte unterschiedliche Booster.

Gefühlt war ich der Einzige vor Ort, der lieber Turtles gespielt hätte. I mean…

Mindset
Bevor es mit dem Deckbau losgeht kurz zu meinem Mindset: Ich bin jetzt schon seit einigen Jahren im Vorstand bei KIT SC eSports und wir haben als Verein schon wirklich viel erreicht. Allerdings gibt es da einen Gedanken, den ich nicht loswerde: Wir Vorstände müssen uns oft vor irgendwelches Publikum stellen und von unseren Erfolgen als Verein erzählen. Zum Beispiel Europameister in League und x Uniliga-Titel in diversen Titeln. Aber jedes Mal, wenn wir dafür Feedback oder Lob bekommen, müssen wir uns auch eingestehen, dass diese Erfolge von den Spieler*innen kommen, die teilweise nur sehr wenig mit der Orga zu tun haben. Nicht von uns Orga-Leuten. Deshalb dachte ich mir, das ist jetzt mal eine Chance, auch einen Erfolg für unseren Verein einzufahren – und das auch noch in meiner Komfortzone MTG.
Sealed Pool & Deckbau
Wie üblich gab es sechs Booster und etwa 50 Minuten Zeit für den Deckbau.

Beim Durchgehen der Rares sprang mir leider nur eine richtig gute Mythic in Form vom Planeswalker Ajani ins Auge. Plus Brigitte’s Kommando, dem Kitkin-Themen Spell, welcher allerdings im Sealed erst einmal ins Deck passen muss und einen Doran, der Zeitgeplagte von dem ich nicht genau wusste, ob er spielbar ist. Hatte das Set bisher nur ein Mal auf Magic Arena gedraftet.
Im Nachhinein war Doran in diesem Pool ein absoluter MVP, weil das Varianzrad mir viele Kreaturen mit unterschiedlichen Combat-Stats mitgab. Normal ist das anscheinend aber nicht, auf 17lands.com hat er eine win-rate „when played“ von 17,3% bei 453 Einsätzen. Habe kaum eine schlechtere Rare dort gesehen :D

Damit war meine einzige Hoffnung auf ein überdurchschnittliches Deck, dass die Farben grün und weiß gut mit Commons und Uncommons supported sind. Und ich war lucky: Schwarz und rot waren unspielbar und hatten nichts über gutem Common-Niveau. Dafür war das weiß insane und das grün mittelmäßig.
Normalerweise mangelt es in grün/weiß an Removal, das war hier nicht der Fall:

Damit war nur noch zu klären, ob ich schwarz für den Doran splashe. Am Ende entschied ich mich für den Splash. Auch um Doran eine Chance zum performen zu geben, denn außer Ajani hatte ich nicht viel, um Games zu closen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nichts von seiner 17,3% Winrate, am Ende hätte mir diese Info aber wohl eher geschadet, weil sich zeigte, dass die Karte außerordentlich gut zum Pool passte. Splashen ist im Sealed nicht unüblich, man sollte aber meiner Meinung nach ein paar Dinge beachten, mehr dazu nach Runde 3. Hier das finale Deck mit dem ich in die erste Runde zog und auch nach den einzelnen Matches und viel Bedenkzeit nichts mehr änderte:

Runde 1: Sarah (Uni Tübingen, B/G/u)
Sarah hatte ein solides grün-schwarzes Deck mit Splash für blau. In Game 1 wurde klar, dass wir beide zum Magic spielen gekommen sind, es aber auch beide nicht extrem kompetitiv sehen. Wir haben viel gechattet und es auch nicht als Problem gesehen, dass Sarah einige Mal ihr Handy auspacken musste, um ihrer Freundin zu schreiben, die gerade auf dem Weg zur Halle war. So entwickelte sich ein langes Spiel, wobei ich am Ende gewinnen konnte, weil ich genug Removal für ihre Spoiler hatte und irgendwann einfach mehr Kreaturen, obwohl sich Ajani nicht zeigte.
Als wir nach Game 1 auf die Uhr schauten, waren nur noch drei Minuten für Game 2 übrig. Wir überlegten kurz, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, das Spiel zu beginnen. Da ich 1:0 führte, wäre es unfair gewesen, ihrem Deck nicht die Chance zu geben, ein schnelles Spiel zu gewinnen. Deswegen starteten wir und spielten beide schnell. Wir kamen bis ca. Turn fünf, hatten dann aber beide einige Kreaturen auf dem Board und meine Hand war voller Removal. Die extra-Turns brachten erwartungsgemäß keinen Sieger und die Runde endete 1-1-0 aus meiner Sicht.
Wir haben den ganzen Tag über immer Mal wieder gequatscht und erkennen uns jetzt definitiv auch im Discord wieder. Der Kennenlerngedanke scheint zu funktionieren. Sie war die, mit der lustigen Frosch-Pizza (es ist kein Frosch):
… 
Runde 2: Lara (Hochschule RheinMain, W/G/u)
Lara spielte weiß-grün mit Splash blau und präsentierte einen ziemlich hohen Stapel an Karten, ich glaube es waren so um die 55 in Game 1. Wir kamen beide recht gut ins erste Spiel, ich konnte ihre Rares aber zuverlässig mit Removal entsorgen und habe dann im Midgame weniger Länder gezogen, worauf ich Spiel 1 mit Doran gewinnen konnte. Sichtlich unzufrieden mit den vielen Ländern hat Sarah dann kurzerhand für Game 2 noch ein paar Karten herausgenommen und startete Spiel 2 mit einem etwas dünneren Deck. Hier betrat dann aber irgendwann Ajani auf meiner Seite das Spielfeld und obwohl ich ein paar Tokens durch schlechtes Blocken verlor, waren meine Combatstats irgendwann mächtiger und ich konnte Game 2 für mich entscheiden.
Runde 3 Tom (FH Aachen, Merfolk)
Tom war also für heute der Endgegner und es stellte sich später heraus, dass sein Pool ein ziemlich godly Merfolk Deck enthielt, was es locker mit meinem Pool aufnehmen konnte. Er hatte den Merfolk-Champion, den Merfolk Tribal Spell, den Merfolk-Sucher und ein (oder zwei?) Skyswimmer plus einiges an kleinem Merfolk und Shapeshifter.




In Game 1 hielt ich eine absolut top Hand mit Ajani Runde drei und ich glaube mich zu erinnern, dass Tom einen Mulligan nehmen musste. Tom hatte auch einen Splash für grün und zog leider zwei oder sogar drei Wälder, weshalb er im Spielverlauf nicht genug legen konnte, um meinen Ajani unter Kontrolle zu bringen.
Wir shuffelten für Game 2, dieses Mal musste ich einen Mulligan nehmen, aber meine zweite Hand sah wieder sehr stark aus. Wieder mit Ajani und genügend Ländern. Ich konnte ihn zwar nicht Turn drei legen, aber Tom hatte auch in diesem Game wieder Mana-Probleme und ich konnte auch Game zwei relativ schnell gewinnen.
Die MVPs in Aktion: Ende Game 2 Runde 3.

Wir hatten noch viel Zeit und haben dann noch ein drittes Game gespielt, in dem ich Manaprobleme hatte und sein Merfolk zeigen konnte, was es kann. Da wir immer noch Zeit hatten, spielten wir auch ein viertes Game, was zu einer ziemlich deepen Partie, bis ins Late-game, wurde. Im entscheidenden Zug fehlte Tom genau eine Kreatur, um mich im nächsten Zug zu besiegen. Um zu gewinnen, flashte er Ende meines Zuges Glen, Elendra Guardian ins Spiel.

Ich hatte zu dem Zeitpunkt zwei Handkarten und sechs offene Mana. Die Handkarten waren genau zwei meiner weißen, 3-mana, instant-Removal. Der erste Removal wurde von Glen’s Ability gecountert, der zweite gelang und ich konnte in meinem nächsten Zug für genug Damage angreifen.
Wir haben dann noch ein bisschen gequatscht und Colorscrew und Splashen war ein Thema. Ich glaube, Game 1 und 2 waren gute Beispiel dafür, warum man beim Splashen ein paar Dinge beachten sollte. Auch wenn man 1-2 gute Karten mehr spielt, ist es das am Ende oft nicht wert, wenn man deswegen 1-2 Mal im Turnier wegen Manaproblemen verliert. Ich würde beim Splashen aktuell immer zwei Faustregeln befolgen, oder zumindest abwägen.
1. Man muss am besten nur ein Basic-Land der gesplashten Farbe spielen und hat danach min. drei, besser vier Quellen, die das Casten ermöglichen. Sowas wie das hier:


2. Der Splash verbessert das Late-Game des Decks, nicht das Early-Game. Bonus, wenn das Deck sowieso Probleme hat, Spiele zu beenden (wenig Spoiler im Pool). Ist das nicht der Fall, würde ich lieber einen Filler spielen, als eine Rare oder Mythic zu splashen. Z.B.:
statt 
Man beachte dabei: Card-Draw ist Lategame, d.h. im Sealed ergibt es rel. oft Sinn, in ein grünes Deck noch blau für Carddraw zu splashen, weil man damit gegen andere Late-Game Decks gewinnt.
Turnierende und Fazit
Damit stand ich 3:0 oder 6-1-1 in Games und schaute mir zum ersten Mal die Standings an. Dabei fiel mir auf, dass ich gegen Tom heruntergelost wurde, er stand zu dem Zeitpunkt 1 Sieg 1 Unentschieden. Das heißt, die Spieler neben uns, die beide vor der Runde 2-0 standen, spielten um Platz 1. Ich habe dann noch kurz mit einem der Judges gequatscht, dass man doch vier Runden hätte spielen müssen, damit man aus eigener Kraft das Turnier gewinnen kann (oder zumindest Preise nach Punkten vergeben). Allerdings ging dann die Runde zu Ende und Tisch 1 kam im dritten Spiel in die Extra-Turns und endete unentschieden. Peinlich, damit war ich doch erster mit 9 Punkten. Und bin natürlich immer noch dafür, die Preise bei drei Runden nach Punkten zu verteilen 😊
Zum Abschluss gab es noch ein cooles Foto mit den jeweils drei Bestplatzierten der vier Turniere:

Danach wurde noch etwas gequatscht und Commander gespielt, für mich ging es dann aber nach einer kleinen Shoppingrunde bei den Händlern um ca. 18:00Uhr Richtung Karlsruhe nach Hause, wo ich ca. 3,5 Stunden später erschöpft und glücklich ankam.
Trotz der anfänglichen Zweifel, die Reise allein auf mich zu nehmen, war ich am Ende sehr froh, dass ich teilgenommen habe. Wenn man Preise gewinnt, kann man das natürlich immer sagen. Iich habe durch Magic mittlerweile gelernt, dass die Leute, die man kennenlernt, der deutlich langlebigere Preis sind.



